Zwangsstörungen

Wesentliche Kennzeichen einer Zwangsstörung sind wiederkehrende Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Zwangshandlungen – auch Zwangsrituale genannt – sind wiederholte Verhaltensweisen (z.B. Händewaschen) oder geistige Handlungen (z.B. Zählen), die die Betroffenen  nicht oder nur sehr schwer unterlassen können, obwohl sie ihnen selbst sinnlos oder zumindest übertrieben erscheinen. In allen Altersgruppen zählen Wasch- und Reinigungszwänge und Kontrollzwänge zu den häufigsten Zwangshandlungen.

Weitere Formen sind Wiederholungszwänge, Ordnungszwänge, Sammelzwänge, Zählzwänge und magische Rituale. Bei Kindern und Jugendlichen sind auch Fragezwänge häufig. Kontroll- und Wiederholungszwänge beim Lesen, Schreiben und Rechnen führen im Schulalltag zu teilweise erheblichen Beeinträchtigungen. Zwangsgedanken sind wiederholt auftretende und andauernde Gedanken, Impulse oder Vorstellungen. Die Betroffenen empfinden sie als sinnlos und störend. Sie leiden sehr darunter und versuchen meist vergeblich, sich gegen die immer wieder in der gleichen Art und Weise (stereotyp) ablaufenden Gedanken zu wehren.

Zwangsgedanken haben überwiegend sexuelle, aggressive oder religiöse Inhalte oder beziehen sich auf Ordnung und die korrekte Ausführung bestimmter Tätigkeiten. Auf die Schule bezogene typische Zwangsgedanken sind z.B. Grübelzwänge mit Angst vor Fehlern oder die Angst, den Impuls nicht kontrollieren zu können, Mitschülerinnen und Mitschüler zu verletzen. Auch wenn Vorstellungen wie letztere erwiesenermaßen niemals in die Tat umgesetzt werden, sind sie für die Betroffenen mit großer Angst, intensiven Schuldgefühlen und Selbstzweifeln verbunden.

Die Ursachen der Zwangserkrankungen sind bisher noch nicht hinreichend geklärt. Derzeit geht man davon aus, dass es sich um ein komplexes Gefüge aus biologischen und psychosozialen Faktoren handelt. Zwangserkrankungen sollten professionell behandelt werden. Die effektivste Therapie besteht hierbei meist in einer Kombination von Verhaltenstherapie und medikamentöser Therapie.

Schulalltag mit der Krankheit

Die Schülerinnen und Schüler unterdrücken oder tarnen ihre Zwänge in der Schule häufig unter größter Anstrengung (und müssen sie zu Hause dennoch ausführen). Darüber hinaus bagatellisieren sie oft trotz großen Leidensdrucks ihre Zwangssymptomatik. Mitunter ist das Erkennen der Erkrankung für Lehrerinnen oder Lehrer daher nicht leicht. Nach Fischer / Hilff / Kimming (2006) können folgende Auffälligkeiten Hinweise auf sehr typische Zwangssymptomen sein:

  • Vermeidung der Berührung von Türklinken; Benutzung von Tüchern beim Türöffnen
  • häufiges Fragen, das Klassenzimmer verlassen zu dürfen, um die Toilette aufzusuchen
  • ständiges Kontrollieren von Türen, Fenstern, Lichtschaltern, Schulmaterialien
  • exzessives Kontrollieren von schriftlichen Aufgaben
  • stereotyp wiederholtes Lesen von bestimmten Wörtern, Abschnitten oder Seiten
  • wiederholtes Schreiben und Überschreiben von Buchstaben, Zeichen und Wörtern
  • exzessives Fragenstellen vor der Bearbeitung von Aufgaben
  • penibles Ausfüllen von Kästchen und Kreisen in Fragebögen, was zu Zeitverlust führt
  • Ordnen von Gegenständen, bis diese exakt symmetrisch zueinander liegen
  • stereotypes und / oder ritualisiertes Berühren von Gegenständen
  • auffällige Vermeidung von Kontakt mit klebrigen Substanzen
  • häufige Verspätung

Die Einschränkungen im Schulalltag bestehen vor allem in

  • der Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit und Konzentration (z.B. durch Schlafmangel, Zwangsgedanken und -handlungen bzw. deren Unterdrückung)
  • einem Zeitverlust (insbesondere bei Kontroll- und Wiederholungszwängen)
  • Nachteilen durch zwanghaften Perfektionismus, der zu ungelösten Aufgaben führt
  • Psychosozialen Belastungen (Scham, Ausgrenzung)

Sonderregelungen und Nachteilsausgleich

Den Einschränkungen durch die Erkrankung können Sie mit Sonderregelungen und Nachteilsausgleich Rechnung tragen. Diese sollten in Absprache mit den behandelnden Fachleuten regelmäßig modifiziert werden (Schweigepflichtentbindung durch die Eltern).
Fischer / Hilff / Kimming (2006) empfiehlt bei Zwängen beim Schreiben und Lesen, z.B. folgende Regelungen:

  • Erlaubnis, Druckschrift statt Schreibschrift zu verwenden (z.B. bei zeitraubenden Überschreibzwängen)
  • Gestattung der Verwendung eines PCs oder Laptops
  • Ersetzen schriftlicher durch mündliche Prüfungen
  • Erlaubnis, Hausaufgaben auf einen Tonträger zu sprechen
  • Bewertung schriftlicher Aufgaben lediglich nach Inhalt; keine Bewertung des Schrittbilds, um die Bedeutung einer zwanghaft ordentlichen und symmetrischen Schrift abzuschwächen
  • Reduktion der generellen Menge schriftlicher Aufgaben, Bereitstellung von Alternativen der Aufgabenlösung
  • vorübergehende Reduktion von Leseaufgaben bei Wiederholungszwängen beim Lesen
  • Computerprogramme mit fortlaufender Textdarbietung können beim zwanghaft wiederholten Lesen von Textabschnitten effektiv sein

Bei Prüfungsproblemen und Zeitverlust können Sonderregelungen und Nachteilsausgleich helfen, beispielsweise (vgl. Fischer / Hilff / Kimming (2006)):

  • Erlaubnis, Tests und Klassenarbeiten in anderen Räumen schreiben zu dürfen
  • Gewährung einer längeren Bearbeitungszeit
  • Multiple-Choice-Tests bei starken Schreibzwängen
  • Gewährung von mehr Zeit für die Bearbeitung schriftlicher Hausaufgaben (allerdings mit festem Abgabedatum)

Besonderheiten im Sportunterricht

Die Beeinträchtigungen sind hier abhängig vom Inhalt der Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, können aber schon in der Umkleidekabine die Teilnahme am Sportunterricht erheblich erschweren (Nachteilsausgleich). Bei Schülerinnen oder Schülern mit motorischen Zwängen empfiehlt sich eine verstärkte Einbindung in die Mannschaftssportarten. Die schnell wechselnden Spielsituationen verhindern hier ein Verharren in zwanghaften ritualisierten Bewegungsmustern.

Klassenfahrten und Ausflüge

Diese können je nach Inhalt der Zwangsstörung für die Betroffenen und ihr Umfeld zur Tortur werden, weil sich die Rituale nicht ausführen oder nicht verheimlichen lassen. Es empfiehlt sich daher, im Vorfeld mit allen Beteiligten (Eltern, Schülerinnen und Schüler, behandelnden Fachleuten und gegebenenfalls auch mit der Klasse) nach Lösungen zu suchen.

Erfahrungsberichte

Zu diesem Thema liegen uns zwei Erfahrungsberichte vor.

Ich musste mir immer die Hände waschen

Schülerinnen mit Zwangsstörungen über ihre Zwänge

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