Schulangst und Schulphobie

Nach der BELLA-Studie des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys des Robert-Koch-Instituts zeigen 10% der untersuchten 7-17jährigen Hinweise auf eine Angststörung. Damit sind die Angsterkrankungen die häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Die Angststörungen im Schulalter sind vielfältig. Im Folgenden sollen lediglich zwei beschrieben werden, die besondere schulische Relevanz haben: die Schulangst und die so genannte Schulphobie. Beide Erkrankungen führen in vielen Fällen zur Schulverweigerung und müssen daher auch vom Schuleschwänzen abgegrenzt werden1. Bei der Schulangst handelt es sich um eine starke Angst vor der Schule selbst, d.h. Angst vor den Leistungsanforderungen, den Lehrerinnen und Lehrern und / oder den Mitschülerinnen und Mitschülern.

Diese Auslöser können von den Schülerinnen und Schülern konkret benannt werden. Im Rahmen der Angstentstehung leiden die Schülerinnen oder Schüler immer wieder unter körperlichen Symptomen (Kopf- oder Bauchschmerzen, Übelkeit). Diese körperlichen Beschwerden veranlassen die Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts nach Hause zu gehen oder (mit Wissen der Eltern) die Schule gar nicht zu besuchen. Auch wenn die körperlichen Beschwerden rein psychischer Ursache sind, leiden die Schülerinnen und Schüler tatsächlich darunter und setzen sie keineswegs bewusst ein.

Bei der Schulphobie, die vor allem im Grundschulalter vorkommt, handelt es sich hingegen nicht um eine Angst vor der Schule, sondern um eine emotionale Störung mit (als existenziell bedrohlich erlebter) Trennungsangst, die es der Schülerin oder dem Schüler schwer bis unmöglich macht, sich von einer engen Bezugsperson zu lösen. Die Schülerinnen oder Schüler klagen über vielfältige körperliche Beschwerden, um nicht das Haus verlassen zu müssen und in der Nähe der Bezugsperson bleiben zu können. Sie sind auch generell sehr ängstlich, oft traurig gestimmt und haben Stimmungsschwankungen.

Bei der Schulphobie kommt es oft zu Wochen oder Monate dauernden Fehlzeiten, da die Symptome, insbesondere die körperlichen, immer dann auftreten, wenn es ansteht, die Schule zu besuchen. (Nachmittags lassen die Symptome dann oft nach, so dass auch gute Kontakte zu Gleichaltrigen möglich sind. Am nächsten Morgen sind sie jedoch wieder da.)

Die Eltern der Schülerinnen und Schüler sind meist sehr besorgt und suchen viele Ärztinnen und Ärzte auf, um eine organische Ursache für die körperlichen Beschwerden zu finden. Entwickeln die Schülerinnen und Schüler dann aufgrund des Fernbleibens Leistungsdefizite und Versagensängste, kann zu einer Schulphobie leicht noch eine Schulangst hinzukommen.

Schulalltag mit der Krankheit

Die Diagnose, ob eine Schulangst oder eine Schulphobie vorliegt oder ob es sich nicht doch um ein „Schule-Schwänzen“ handelt, kann letztendlich nur von einem Fachmann gestellt werden. Eine erste diagnostische Orientierung kann Ihnen aber für das Gespräch mit den Eltern und der Schulpsychologin oder dem Schulpsychologen hilfreich sein.

Entscheidungsbaum Schulangst

Leitsymptom: Fehlen in der Schule
Mit Wissen der Eltern

Ja
Die Schülerin / der Schüler berichtet über Ablehnung durch Lehrerinnen / Lehrer / Mitschülerinnen / Mitschüler.

Ja
Die Schülerin / Der Schüler fühlt sich von den Lehrerinnen / Lehrern schlecht beurteilt / behandelt.

Ja
Die Schülerin / der Schüler hat Angst vor bestimmten Situationen in der Schule (z.B. Aufgerufen werden, Pausensituationen, Leitungsanforderungen).

Ja
Verdacht auf Schulangst

Entscheidungsbaum Schulphobie

Leitsymptom: Fehlen in der Schule
Mit Wissen der Eltern

Ja
Die Eltern wissen, wo sich die Schülerin / der Schüler aufhält.

Ja
Die Schülerin / der Schüler bleibt während der Unterrichtszeit zu Hause.

Ja
Als Begründung werden körperliche Beschwerden angegeben, für die trotz wiederholter Untersuchungen keine Ursache gefunden wurde.

Ja
Die Schulleistungen sind ausreichend und Hausaufgaben werden bereitwillig nachgeholt.

Ja
Am Nachmittag nehmen die Beschwerden ab und Aktivitäten zu Hause sind möglich.

Ja
Verdacht auf Schulphobie

Fehlzeiten/ Klinikaufenthalt

Mitunter ist bei der Behandlung einer Schulphobie auch eine stationäre Maßnahme nötig. Mit einem guten Kontakt zur Klinikschule können Sie der Schülerin oder dem Schüler helfen, den inhaltlichen Anschluss an die Klasse zu halten und eine Wiedereingliederung erleichtern.

Besonderheiten im Sportunterricht

Der Sportunterricht bietet, sofern er nicht zu den Auslösern der Schulangst gehört, Möglichkeiten zum sozialen Anschluss und zum psychosozialen Kompetenzgewinn. Eine Teilnahme ist daher wichtig.

Klassenfahrten und Ausflüge

Klassenfahrten und Ausflüge bieten, sofern sie nicht zu den Auslösern der Schulangst gehören, Möglichkeiten zum sozialen Anschluss und zum psychosozialen Kompetenzgewinn. Eine Teilnahme ist daher wichtig.


1Vgl. Handreichung „Schuldistanz“ der Berliner Senatsverwaltung.