Bulimia nervosa

Die Bulimia nervosa – meist kurz als Bulimie bezeichnet – ist eine Essstörung. Nach der ICD-10 der WHO gilt sie als psychische Störung, die unter den Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren klassifiziert wird. Sie ist wie die Magersucht, die einer Bulimie oft voraus geht, Ausdruck einer ernst zu nehmenden psychischen Störung. Hierin und darin, dass die Ursachen mit unterschiedlichen Gewichtungen im familiären, sozialen und biologischen Bereich liegen, sind sich die unterschiedlichen wissenschaftlichen Erklärungsmodelle – vom psychoanalytischen bis verhaltenstheoretischen – einig.

Eine Bulimie muss daher unbedingt professionell und so schnell wie möglich behandelt werden. Charakteristisch für die Erkrankung sind wiederkehrende Heißhungerattacken. Hierbei schlingen die Betroffenen anfallsartig riesige, hochkalorische Nahrungsmengen herunter. Im Anschluss an die Essanfälle provozieren sie dann ein Erbrechen, das sie kurzfristig als Entlastung erleben. Letztendlich führen die Wahrnehmung des Kontrollverlustes (den Essanfällen nachgegeben zu haben) und der Ekel jedoch zu ausgeprägten Scham- und Schuldgefühlen.

Hierdurch wird die bereits zuvor bestehende Selbstwertkrise im Sinne eines „Teufelskreises“ weiter verstärkt. Rein bulimische Patientinnen und Patienten sind vom Gewicht her oft unauffällig. Viele bewegen sich jedoch auf einer Schiene zwischen Magersucht und Bulimie, d.h. sie legen zwischen den bulimischen Phasen immer wieder Hungerperioden ein. Dieser Wechsel führt dann zu zum Teil beträchtlichen Gewichtsschwankungen. Wie bei der Anorexie beherrscht eine ständige Beschäftigung mit dem Themenbereich Essen, Gewicht und Figur die Schülerinnen und Schüler und es besteht ebenfalls eine Körperschemastörung.

Häufig kommen zu den Kernsymptomen der Bulimie weitere psychopathologische Auffälligkeiten wie depressive Störungen, Angststörungen und Substanzmissbrauch hinzu. Die gedankliche Fixierung auf den Themenbereich Essen, Gewicht und Figur, die Suchtprozesse und die Gier nach Nahrungsmitteln werden von den Betroffenen als psychisch sehr belastend erlebt und können auch in suizidalen Krisen münden. Die körperlichen Folgen (und Spätschäden) der Bulimie sind vielfältig und schwer. Sie betreffen insbesondere den Magen-Darm-Trakt (Sodbrennen, Magengeschwüre, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse), das Herz-Kreislaufsystem (z.B. Herzrhythmusstörungen), die Knochen (z.B. Osteoporose) und die Zähne. Auch bei normalem Gewicht bleibt die Regelblutung oft aus.

Die Therapie einer Bulimie ist wie bei der Anorexie langwierig und muss, weil die Krankheit meist erst spät erkannt wird, in vielen Fällen stationär erfolgen. Man geht derzeit davon aus, dass die Bulimie ungefähr doppelt so häufig auftritt wie die Anorexie. Mädchen und junge Frauen erkranken am häufigsten. Neuere Studien zeigen aber, dass die Krankheit auch beim männlichen Geschlecht zunimmt. Im Gegensatz zu vielen anderen psychischen Erkrankungen kommt die Bulimie, wie die Anorexie, am häufigsten in sozial höher gestellten Schichten (und damit häufig am Gymnasium) vor.

Schulalltag mit der Krankheit

Im Frühstadium der Erkrankung
Eine Bulimie wird im Frühstadium der Erkrankung nur selten erkannt, weil die Betroffenen vom Gewicht her unauffällig sind. Im festen Glauben, dass sie wieder ein normales Leben führen können und wollen, wenn sie ihr Wunschgewicht erreicht haben, bauen sich die Schülerinnen und Schüler schrittweise eine Doppelexistenz auf: nach außen führen sie ein nahezu perfektes Leben mit zunächst bleibend guten Schulleistungen und privat geraten sie immer mehr in ein unkontrolliertes Dasein, das sie selbst ekelt. Diese Spaltung ist mit Scham besetzt und erschwert die Identitätsfindung. Sie ist darüber hinaus – ebenso wie die ständige Beschäftigung mit dem Themenbereich Essen, Gewicht und Figur – anstrengend und schwächt die Konzentration. Deshalb steigt der Zeitaufwand zur Vorbereitung und zur Bewältigung von Leistungsanforderungen.

Bei Fortschreitender Krankheit
Der Kampf der offiziellen, perfekten und der heimlichen, unkontrollierten Seite zehrt extrem an den Nerven. Hinzu kommen die körperlichen Beeinträchtigungen. Die Schülerinnen und Schüler isolieren sich, werden depressiv und können auch die schulischen Anforderungen immer schlechter bewältigen.

Sonderregelungen und Nachteilsausgleich

Schülerinnen und Schüler, die nach einer (oft monatelangen) stationären Behandlung zurückkehren, sollten in der ersten Zeit Entlastung im Schulalltag erfahren, denn mitunter neigen sie, wie anorektische Schülerinnen und Schüler, zu überaus großem schulischen Ehrgeiz und wollen den versäumten Unterrichtsstoff so rasch wie möglich nacharbeiten.

Die Einschränkungen in der schulischen Leistungsfähigkeit oder auch die Defizite, die nach einem Krankenhausaufenthalt bestehen, können Sie über den Nachteilsausgleich berücksichtigen.

Besonderheiten im Sportunterricht

Wenn die Krankheit noch nicht so weit fortgeschritten ist, dass die körperlichen Folgen auch die körperliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, fallen normalgewichtige bulimische Schülerinnen und Schüler auch im Sportunterricht nicht besonders auf. Bei Schülerinnen und Schülern, die sich zwischen Anorexie und Bulimie bewegen, kann es sein, dass starke Gewichtsschwankungen und/oder ein Nichtbeendenkönnen von sportlichen Tätigkeiten zu beobachten ist. Wenn sie derartige Beobachtungen machen, ist es angebracht, dass Sie sich im Kollegium austauschen und – bei bestätigter Befürchtung – überlegen, wer das notwendige Gespräch mit der Schülerin oder dem Schüler und dessen Eltern suchen soll.

Klassenfahrten und Ausflüge

Befindet sich die Schülerin oder der Schüler bereits in Behandlung, ist es mitunter sinnvoll, im Vorfeld zu klären, ob und welche Aspekte der ambulanten Behandlung zu berücksichtigen sind. Von eigenmächtigen therapeutischen Interventionen wie einer Reglementierung oder Kommentierung des Essverhaltens oder Kontrolle der Schülerinnen und Schüler etc. ist grundsätzlich abzuraten. Fällt Ihnen auf einer Klassenfahrt bulimisches Verhalten erstmalig auf, empfiehlt es sich, wie oben beschrieben zu verfahren.

(Rückfragen bei der Ärztin oder beim Arzt, Psychotherapeutin oder Psychotherapeuten nach Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht durch die Eltern)

Hilfsmittel

Präventionsprogramme: Gesundheit-und-Schule.Info
Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (ISB)

Quelle: Essenslust statt Körperfrust - Leitfaden zur Prävention von Essstörungen inder Schule
Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, SuchtPräventionsZentrum (SPZ) Hamburg